Artwork
ffountain—A Feminist Counter Proposal
„Der makellose Bronzekörper der Aktfigur wird von allen Seiten von den fratzenhaften Gesichtern einer genau identifizierbaren Männerrunde begafft, die das Objekt ihrer Begierde mit gespitzten Mündern anzuspucken scheint.“1
Google Deep Dream Edit einer historischen Ansichtskarte des Brunnens am Stephanplatz (Sammlung Leis). Idee: Mio Kojima
Der Brunnen am Stephanplatz wurde 1904 bis 1905 von dem Karlsruher Architekten Hermann Billing als monumentaler Zierbrunnen entworfen und sollte, so die Vorgabe, „keinen anderen Zweck haben als den, schön zu sein.“2 Das zentrale schmückende Element stellt eine von dem Bildhauer Hermann Binz gestaltete weibliche Aktfigur (eine Quellnymphe) dar. Als Modell diente eine Spaziergängerin, die von einem Künstler angesprochen und an Binz vermittelt worden war3 – eine Praxis, die auch bei anderen Karlsruher Denkmälern Anwendung fand, wie etwa bei der „Kleinen Marktfrau.“4
Die Nymphe ist eingefasst in die Architektur des Brunnens: „14 mächtige Pfeiler, die einen ringförmigen Architrav tragen, umstehen ein rundes Wasserbecken von knapp zehn Meter Durchmesser. Die Pfeiler sind an den Innenseiten als Hermen ausgebildet, die aus ihren Mündern Wasser in das Becken speien. Ein zwischen den Pfeilern wannenartig ausbuchtender Sockel und Geländer aus Eisenstangen umschließen das Rund der etwa 3,60 Meter hohen Brunnenarchitektur aus hellem Pfälzer Sandstein. Sie bildet den monumentalen dreidimensionalen Rahmen für eine etwa doppelt lebensgroße weibliche Brunnenfigur aus Bronze, die auf einem niederen Postament steht.“5
Vorschlag für eine Intervention am Brunnen am Stephanplatz in Karlsruhe, 2022, © Vera Gärtner
Der Brunnen erzeugt so einen in sich geschlossenen Raum, der sich von außen zwar betrachten lässt, sich aber erst vollkommen über einen balkonartigen Zutritt in das kreisförmige Innere erschließt. Wer diese Einbuchtung betritt, reiht sich ein in das Blickregime, welches die nackte Frauenfigur umgibt, taucht akustisch ein in das rauschende speiende Wasser, das aus den Mündern der Hermen strömt. Denn aus dieser Position verschwinden die Geräusche des lebhaften Stephanplatz und des umgebenden Verkehrs; das Rauschen schafft auch eine andere Zeitlichkeit: die weibliche Figur ist hier auf Dauer exponiert, fixiert, umstellt.
Im Gegensatz zu der namenlosen weiblichen Aktfigur, karikieren die Hermengesichter vierzehn stadtbekannte männliche Persönlichkeiten Karlsruhes um das Jahr 1905. Vor allem diejenigen, die Kritik am ersten Brunnenentwurf und Zweifel gegenüber der Nacktheit der Brunnenfigur geäußert hatten, aber auch Billing und Binz selbst.6
Die Darstellung eines nackten weiblichen Körpers im öffentlichen Raum sorgte nicht nur in der Entwurfsphase für Diskussionen. In Karlsruhe und in der überregionalen Presse wurde eine polemische Debatte über die nackte Frauenfigur geführt. Während die einen sich über die Nackheit empörten, kritisierte das andere Lager ihre “Prüderie.”7
Um die Frage, ob die stereotype normative anonyme Darstellung des weiblichen Körpers, insbesondere innerhalb der sie bespuckenden Männerrunde herabsetzend ist, ging es dabei nicht.
Foto: Lisa Bergmann
fun fountain
fan fountain
fair fountain
fantastic fountain
fighting fountain
feminist fountain
fictional fountain
festival fountain
fearless fountain
fabulous fountain
favorite fountain
fake fountain
fluid fountain
future fountain
ffountain ist eine 14‑Kanal‑Soundinstallation. Aus vierzehn kreisförmig angeordneten Lautsprecher*innen sprudeln ermutigende Klänge, Stimmen, Beats. Sie umspielen das Publikum von allen Seiten, laden zum Verweilen, zum Bewegen, zum Tanzen ein.
ffountain folgt der Überzeugung, dass Popkultur eines der wirkmächtigsten politischen Medien der Gegenwart ist. Zugleich eröffnet sie einen Raum des Zuhörens, der körperlichen Aktivierung, der Gemeinschaftsbildung – und des Widersprechens gegenüber vorherrschenden Erinnerungskulturen.
ffountain ist ein Gegenentwurf des speienden, misogynen Brunnens auf dem Stephanplatz. In Form und Räumlichkeit bezieht sich die Arbeit explizit auf die Gegebenheiten vor Ort, versammelt jedoch Stimmen, die sich mit seiner patriarchalen Geschichte und ihren Fortschreibungen auf unterschiedlichen Ebenen auseinandersetzen – als feierlicher, kollektiver und empowernder Gegenmoment.
Das Mixtape vereint Tracks von Aïsha Devi, Anne Imhof & Eliza Douglas, Billie Eilish, Charlotte Adigéry & Bolis Pupul, Dope Saint Jude, Eartheater, Fauna, Jojo Abot, Kaleo Sansaa, Little Simz, Peaches, Princess Nokia und yeule. Jede Künstler*in bzw. jedes Duo ist einer eigenen räumlichen Position, einer eigenen Lautsprecher*in zugeordnet und wird so physisch wie klanglich verortet.
00:00/ 00:00
ffountain ist outcome einer gender-historischen Untersuchung der Straßenbenennungen sowie der Körperdarstellungen in Form von Kunst (Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken) im öffentlichen Raum in Karlsruhe.
ffountain zine – Grafik: Bruno Jacoby, Foto: Lisa Bergmann
Neben der Soundinstallation bündelt ein Zine als Kompilation eine Auswahl an Verweisen, Kommentaren, weiterführendem Material, Anekdoten und Quellen der Recherche. Widerspenstige aktivistische Postkarten machen Vorschläge, schaffen Sichtbarkeiten und fordern neue Perspektiven zu in Stein gemeißelten Realitäten.
Im Zentrum der Arbeit stehen Fragen nach Sichtbarkeit und Erinnerung: Wem wird im Stadtraum erinnert – und wem nicht? Nach welchen weiblich gelesenen Personen wurden Straßen benannt? Wie viele sind es, wer waren sie, wofür wurden sie geehrt – und wer fehlt? Wer ist unsichtbar oder wurde unsichtbar gemacht?
Wie viele Darstellungen weiblich gelesener Körper existieren im öffentlichen Raum? Wen stellen sie dar? Haben sie Namen? Wie werden diese Körper repräsentiert, und welche Funktion erfüllen sie als Kunst im öffentlichen Raum?
Die Dokumentation des Ist-Zustands, die Analyse geschlechtlicher Repräsentationsverhältnisse und insbesondere der Fokus auf diejenigen, derer nicht erinnert wird, legen ein tief verwurzeltes Geflecht patriarchaler, rassistischer, ableistischer, klassistischer und (neo-)kolonialistischer Strukturen offen – in der Stadt wie in der Gesellschaft.
Weibliche Straßennamen in Karlsruhe. Ein faltbarer Stadtplan von Karlsruhe wurde auf Vorder- und Rückseite mit Farbe beschichtet, 2022. © Vera Gärtner
ffountain reagiert auf diese Befunde. Mittels Methoden des Neuanordnens (Remix, Sampling), des Zweckentfremdens (Détournement) und des Überschreibens (Palimpsestieren) werden bereits bereits existierende Antworten collagiert und Gegenvorschläge formuliert. Zooms beleuchten konkrete Orte und Personen, wie beispielsweise eine Sammlung an Gegenerzählungen zu weiblichen Sagenfiguren, zwei Statuen, deren face ein Instagram-Filter erkannte und überlagerte, das Marktfrauen-Denkmal in lebensgroßer Erscheinung als Fotomontage und schließlich die namensgebende materialisierte ffountain.
Es sind Versuche Gegenerzählungen aufzumachen, eine Einladung zur Dekonstruktion und Neuimaginierung. Ein Hommage an das wertschätzende Samplen, Remixen, Zitieren, Reinterpretieren, Kompilieren. ffountain möchte dem nicht-normativen Körper Raum geben, Erinnerung (zu) schaffen und neu (zu) erzählen.
Es ist die Zeit für neue Mecha-Niken.
Lasst uns mutieren, bitte.
Baba, binär! Puffern bis in alle Ewigkeit.8
Emil Sutor, Hebe, 1967, Betonguss, Schlossplatz Karlsruhe. Fotografiert mit: Instagram-Facefilter „Shiny Latex Mask“ @thebinarycurse
ffountain ist das Diplomprojekt von Vera Gärtner im Fachbereich Ausstellungsdesign und Szenografie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG) und wurde am 1. und 2. April 2022 im Großen Studio präsentiert.
Der Essay ist ein Remix aus älteren Textfragmenten, die in Zusammenarbeit mit Lizzy Ellbrück, Josefine Scheu und Jandra Böttger im Jahr 2022 entstanden sind.
Die Realisierung des Mixtapes als Soundinstallation erfolgte in Zusammenarbeit mit Luise Peschko; die Umwandlung in einen binauralen Mix entstand mit Unterstützung von Lorenz Schwarz.
Danke: Aïsha Devi, Alexander Knoppik, Anne Imhof, Barbara Kuon, Billie Eilish, Bolis Pupul, Bruno Jacoby, Charlotte Adigéry, Charlotte Eifler, Constanze Fischbeck, Daniela Stöppel, Dope Saint Jude, Eartheater, Eliza Douglas, Fauna, Hanna Jurisch, Hanne König, Iden Sungyoung Kim, Ivy Valdez Niebles, Jandra Böttger, Janina Capelle, Johanna Hedva, Jojo Abot, Josefine Scheu, Jutta Thimm, Kaleo Sansaa, Leia Walz, Leonie Mühlen, Lioudmila Voropai, Little Simz, Lizzy Ellbrück, Lorenz Schwarz, Luise Peschko, Manuel Sekou, Miki Feller, Mio Kojima, Nis Petersen, Nora Häuser, Paulina Mimberg, Peaches, Princess Nokia, Sascha Jungbauer, Sebastian Schäfer, Stadtarchiv Karlsruhe (Ariane Rahm und Katja Schmalholz), Stadt Karlsruhe Liegenschaftsamt, Susanne Kriemann, Thomas Rustemeyer, Ulrich Steinberg, Vanessa Bosch und yeule.
Footnotes
Gerhard Kabierske, „Brunnen am Stephanplatz,“ in: Stadt Karlsruhe – Stadtarchiv (Hrsg.), Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken in Karlsruhe 1715-1945, Karlsruhe: Badenia-Verlag, 1989, S. 442. ↑
Ebd., S. 439. ↑
Ebd. ↑
Vgl. Beatrice Vierneisel, „Marktfrau” hinter der Kleinen Kirche,“ in: Stadt Karlsruhe – Stadtarchiv (Hrsg.), Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken in Karlsruhe 1715-1945, Karlsruhe: Badenia-Verlag, 1989, S. 612. ↑
Kabierske, S. 440-441. ↑
Vgl. Ebd. S. 441. ↑
Kabierske, S. 444–45. ↑
Legacy Russell, Glitch Feminismus, Berlin: Merve Verlag, 2021, S. 106. ↑
About the author
Published on 2026-02-04 17:40