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Manheim-Alt bleibt ein Dorf in Kerpen, Nordrhein-Westfalen
Das Rheinische Braunkohlerevier ist eine Region tiefgreifender Widersprüche. Zwischen weiten Kratern, in denen Landschaft zu Energie und Profit verarbeitet wird, stehen die Überreste dessen, was einmal Dörfer, große Wälder und Lebensräume waren. Was bleibt, sind Spuren von Zerstörung, von Widerstand und von Hoffnung.
So ist auch das Dorf Manheim, ein vom Energiekonzern RWE fast vollständig umgesiedelter Ort, geprägt von Barrikaden, eingezäunten Grundstücken und Überwachungssystemen. Bald soll es dem größten Braunkohleabbaugebiet Europas, dem Tagebau Hambach, weichen, an dessen südlichen Abrisskante es noch liegt.
Wo Manheim fast vollständig der Erinnerung überlassen ist, wurde das Sündenwäldchen – ein kleines Waldstück zwischen Dorf und Abrisskante – von kollektivem Widerstand belebt. Die Besetzung des Wäldchens sollte nicht nur seine Abholzung verhindern, sondern stellte auch ein klares politisches Statement gegen fossile Energiegewinnung, die Enteignung von Lebensräumen und die enge Verflechtung wirtschaftlicher Konzerninteressen und staatlicher Gewalt dar. In Manheim verdichtet sich seit Jahren ein Konflikt, der weit über die Region hinausweist: der Kampf um Klima, Gerechtigkeit und die Frage, wem Landschaft gehört.
Wie real und nah dieser Kampf ist, wurde diesen Herbst erneut deutlich spürbar. Am 18. November 2025 wurde der sogenannte „Sündi“ durch einen Großeinsatz der Polizei gewaltvoll geräumt, die Aktivistinnen festgenommen und die von ihnen errichteten Strukturen zerstört. Der Wald – den es den Aktivistinnen über ein Jahr lang zu schützen gelang – wurde innerhalb von wenigen Stunden gerodet. So wird der zivile Widerstand immer weiter aus Manheim vertrieben. Das Dorf befindet sich in einem Schwebezustand an der Schwelle zu seinem Verschwinden.
MUST Städtebau und NEULAND HAMBACH / VIZE renderings und Foto/Video: RWE AG
Manheim, mittlerweile Manheim-Alt, gilt offiziell als Stadtteil von Kerpen in Nordrhein-Westfalen. Dieser wurde erstmals im Jahre 898 erwähnt und ist somit eine über 1000 Jahre alte Ortschaft. Manheim grenzt an die Bürgewälder, zu denen auch der von der Anti-Kohlekraft-Bewegung bekannte Hambacher Wald, kurz „Hambi,“ gehört. Die Bürgewälder wurden bereits im 10. Jahrhundert von Kaiser Otto II urkundlich erwähnt und wurden lange gemeinschaftlich von den anliegenden Dörfern genutzt und verwaltet. Durch die seit Jahrhunderten ununterbrochene Bewaldung handelt es sich um eine seltene Landschaft in der biogeographischen Region Deutschlands. Sie ist mit Abstand die größte Eichen-Hainbuchen-Waldfläche im deutschen Raum und bietet die Lebensgrundlage für seltene und europarechtlich geschützte Tiere.
Im Jahre 1978 wurde der Tagebau Hambach für die Braunkohleförderung erschlossen. Neben dem Wald und Mooren wurden im Zuge seiner Ausweitung auch besiedelte Räume für den Tagebau geopfert. Sechs Ortschaften wurden dabei seit 1979 gewaltvoll von Industrie und Staat umgesiedelt. Dazu gehört auch Manheim. Zwischen 2012 und 2020 wurden von den ehemaligen 1.761 ansässigen Bürger*innen (Stand 1974) fast alle umgesiedelt. Trotz des verwucherten und verlassenen Zustands wurden hier von 2016 bis 2018 rund 400 geflüchtete Menschen untergebracht – in einem brachliegenden Ort, in dem kaum mehr Ortsansässige wohnen.
Das geplante und vorzeitige Auslaufen der Braunkohlegewinnung im Jahr 2029 bedeutet nun, dass der Fleck Manheim nicht mehr für die Gewinnung von Kohle gebraucht wird. RWE plant dennoch, weitere 600 Hektar Landschaft, darunter einen Großteil Manheims, zur Gewinnung von Kies zu zerstören. Laut dem deutschen Bundesberggesetz hat die Sicherstellung der Versorgung mit Rohstoffen Vorrang gegenüber anderen Interessen des Gemeinwohls. Das bedeutet, dass Ortschaften für den Abbau von Braunkohle umgesiedelt werden dürfen. Das Berggesetz gilt allerdings nicht für Massenrohstoffe wie Sand oder Kies. Das wirft große geopolitische Fragen auf: Wie viel Macht darf RWE als einer der CO₂-emmissionsstärksten Konzerne der Welt haben, wenn es um die Zukunft von Landschaft geht? Wessen Interesse vertritt dabei der Staat? Wem gehört Landschaft? Und wem wollen wir die Entscheidungsmacht über die Verwaltung dieser Landschaften überlassen?
Die kleine Fläche, wo einst der circa ein Hektar große „Sündi“ war, soll bald gemeinsam mit Manheim Teil des etwa 85 Quadratkilometer großen Tagebaus werden. Nach der Stilllegung der Braunkohleförderung (mit dem beschlossenen Kohleausstieg) plant RWE, ab 2030 den Tagebau über einen Zeitraum von circa 60 Jahren mit Rheinwasser zu füllen, sodass daraus ein gewaltiger Restsee entstehen kann. Damit entzieht sich der Konzern jedoch der notwendigen Aufarbeitung. Die Strukturentwicklungsgesellschaft Neuland Hambach GmbH arbeitet mit RWE zusammen an einer Strategie, diesen Wandel der Region als nachhaltig darzustellen. Der See wird als ideale Form von „Renaturierung“ vermarktet, bringt aber durch die daraus entstehende Verschmutzung und Versauerung verheerende Folgen für Natur und Menschen der Region – für RWE ist es die kostengünstigste Maßnahme.
Manheim, Juni 2025:
Wer sich in Manheim bewegt, stößt unweigerlich auf Grenzen. Teilweise sind sie sehr markant, offensichtlich und unüberwindbar, teils kaum erkennbar. Schilder warnen schon von Weitem. „Absolutes Betretungsverbot für Betriebsfremde“ wird mit roten Warnzeichen markiert. An anderen Stellen versperren einem große Betonblöcke den Weg, knallgelb gestrichen und stapelbar. Sie erinnern an riesige bunte Legosteine, und versperren vergessene Straßen, die nirgends mehr hinführen, nicht mehr benutzt werden sollen. Wieder andere sind von Aktivist*innen improvisiert. Geflechte aus Ästen, Planen und gestohlenem Stacheldraht verbauen Straßen und Wege. Provisorische Asthaufen türmen sich auf, um direkt wieder entfernt zu werden. Riesige Erdwälle werden aufgeschüttet und wieder flach getrampelt. Bauzäune, die ehemals zur Eingrenzung „nicht zu betretender“ Gebäude dienten, werden über Nacht zu Barrikaden, stellen sich schützend vor den Wald, den der Konzern roden möchte. Betonblöcke werden mit aktivistischen Parolen und Kampfsprüchen besprüht und scheinen plötzlich die Seite gewechselt zu haben. Hier geschieht ein ständiges Verhandeln von Grenzen und Territorien.
Rechtlich gesehen befindet man sich in Manheim schon auf dem Gelände der RWE Power AG. Der Zutritt ist nicht ausdrücklich verboten, doch die spähenden Polizei- und Security-Autos, die einem im Vorbeifahren hinterher schielen, die mit großen, verwitterten Holzplatten verschraubten Türen und Fenster und die Kilometer an Bauzäunen machen ersichtlich, dass fremde Neugier hier nicht erwünscht ist. Manheim soll nicht aufgesucht, sondern vergessen werden.
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Die Auseinandersetzung mit Manheim begann mit einer Exkursion in die Umgebung des Hambacher Tagebaus Anfang Mai 2025. Unser Interesse fiel schnell auf die repressive Gewalt, die sich in der Landschaft abzeichnete. Deshalb widmeten wir uns der detaillierten Analyse und Dokumentation besagter „Sicherheitsarchitektur“ im Kontrast zur Tristesse des verlassenen Dorfes. Anfangs beschäftigten wir uns primär fotografisch mit dem Ort, darauf bedacht, seine Widersprüche und sichtbar werdenden Konflikte zu dokumentieren. Bei unserem zweiten Besuch arbeiteten wir mit bestehenden Karten und ergänzten diese eigenständig auf Basis unserer Beobachtungen und durch performatives Erkunden des Ortes. So nutzten wir beispielsweise das Ablaufen von Bauzäunen als Methode, Grenzen und Zugänglichkeit zu erfassen. Während unserer Aufenthalte näherten wir uns der Geschichte Manheims an, führten Gespräche mit ehemaligen Bewohner*innen, Aktivist*innen sowie RWE-Mitarbeitenden. Durch das Sammeln von Scans, Zeichnungen und Verschriftlichungen unserer Eindrücke erweiterten wir unsere Recherche und es entstand ein wachsendes Materialarchiv. Wir versuchten der Landschaft auf verschiedenste Weise zu begegnen, dabei gängige Dokumentationsmethoden zu hinterfragen und ein Gefühl für Manheim zu entwickeln.
So sind diese Karten eine Sammlung von Relikten eines Ortes, der kurz vor seiner Auslöschung steht. Sie archivieren die Spuren der politischen Machtkämpfe der Region. Kämpfe, die sowohl akut ortsbezogen sind, als auch weit über den Standort Manheim hinausreichen. Dabei geht es uns nicht darum, eine einzige Wahrheit offenzulegen, sondern uns diesem komplexen Konflikt anzunähern, ihn aufzuschlüsseln und zu verstehen.